Ausstellung !MenschSein: Zwei Fotografen, zwei Sichtweisen
Die Ausstellung !MenschSein in den Lux-Hallen bringt zwei Fotografen zusammen, deren Arbeiten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Hartmut Schneider seit Jahrzehnten Menschen und gesellschaftliche Wirklichkeiten beobachtet und dokumentiert, entwickelt Christoph Gerhartz inszenierte Bildwelten, die eher an Erinnerungen, Filme oder Träume erinnern. Gerade dieser Kontrast macht die Ausstellung für mich so spannend.
Hartmut Schneider
Die thematische Bandbreite von Hartmut Schneiders Arbeiten ist ebenso groß wie seine Erfahrung in der Fotografie. Bereits mit zehn Jahren bekam er zu Weihnachten seine erste Agfa-Box geschenkt. Einige Jahre später unterrichtete er am Berufskolleg Bergisch Gladbach Fotografie und verbrachte mit seinen Schülerinnen und Schülern unzählige Stunden in der Dunkelkammer und später am Rechner.
Von sich selbst sagt Hartmut Schneider, dass ihn schon in jungen Jahren vor allem Menschen und die Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswirklichkeit interessiert haben. Und genau das spiegelt sich bis heute in seinen Arbeiten wider.
Prägend war für ihn auch die Entdeckung der Stadtbücherei im Alter von 14 Jahren. Dort las er über Archäologie, Raumfahrt und den SS-Staat – eine Lektüre, die ihn nachhaltig erschütterte. Bis heute begleitet ihn die Sorge, dass gesellschaftliche Entwicklungen erneut „in einen Abgrund“ führen könnten.
Seine Fotografien entstehen zumeist auf der Straße und im unmittelbaren Kontakt mit Menschen und Situationen. Dabei geht es Hartmut Schneider weniger um das spektakuläre Bild als um den Menschen und seine Lebenswirklichkeit. Seine Fotografien erzählen von Begegnungen, gesellschaftlichen Widersprüchen und den kleinen Momenten des Alltags, die oft mehr Fragen aufwerfen als beantworten.
Christoph Gerhartz
Einem ganz anderen fotografischen Konzept folgt Christoph Gerhartz. Seine Serie somewhere eight pm führt nicht auf die Straße, sondern in private Räume und intime Lebenswelten. Die Fotografien zeigen Menschen in ihrem Zuhause – zu einer Tageszeit, die für viele zwischen Alltag und Rückzug, Nähe und Einsamkeit liegt. Wie sieht es bei Menschen wohl aus, um acht Uhr abends? Welche Geschichten verbergen sich hinter den Wohnungstüren?
Die Serie entstand während der Corona-Pandemie – einer Zeit, in der auch für Berufsfotografen viele Aufträge wegfielen. Für Christoph Gerhartz entstand daraus eine Frage, die ihn nicht mehr losließ: Wie sieht es eigentlich um acht Uhr abends unter deutschen Dächern aus? Was passiert in Wohnungen und Häusern, wenn soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert sind und sich ein großer Teil des Lebens in die eigenen vier Wände zurückzieht? Eines der ersten Bilder zeigt seinen Sohn und erzählt von einem Jugendlichen, der während der Pandemie auf vieles verzichten musste – insbesondere auf soziale Kontakte und Begegnungen. Ein weiteres Bild zeigt seinen Vater, der in einem dunklen Raum auf einer Matratze liegt.
Überhaupt hat mich beeindruckt, wie viele persönliche und intime Einblicke Christoph Gerhartz in seinen Fotografien zulässt. Seine Bilder wirken teilweise wie Filmszenen, Erinnerungen oder Fragmente aus Träumen. Dabei fällt auf, mit welcher Konsequenz Christoph Gerhartz Licht, Farbe, Perspektive und Inszenierung einsetzt. Seine Fotografien wirken präzise komponiert und behalten dennoch etwas Geheimnisvolles. Sie dokumentieren keine Wirklichkeit – sie schaffen ihre eigene.
Gerade dieser Kontrast macht !MenschSein für mich so sehenswert. Hier stehen sich nicht einfach zwei fotografische Stile gegenüber. Vielmehr begegnen sich zwei grundverschiedene Wege, sich dem Menschen zu nähern: die beobachtende Fotografie auf der einen Seite und die inszenierte, erzählerische Bildsprache auf der anderen.
Und doch haben beide Positionen etwas gemeinsam. Weder Hartmut Schneider noch Christoph Gerhartz interessieren sich für die bloße Oberfläche ihrer Motive. Beide suchen nach dem, was hinter einem Blick, einer Geste oder einer Situation liegen könnte – auch wenn sie dafür vollkommen unterschiedliche fotografische Mittel wählen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieser Ausstellung: Sie zeigt nicht nur Menschen. Sie zeigt, wie unterschiedlich Fotografie sein kann, wenn sie versucht, etwas über das Menschsein zu erzählen.
Porträts
Aus diesem Kontrast ergab sich auch für mich eine spannende fotografische Herausforderung. Ich wollte nicht nur die Ausstellung dokumentieren, sondern auch zwei Porträts schaffen, die etwas von der jeweiligen fotografischen Herangehensweise ihrer Protagonisten transportieren.
Bei Hartmut Schneider bedeutete das für mich, ihn in einer Situation zu fotografieren, die seiner beobachtenden und dokumentarischen Arbeitsweise möglichst nahekommt. Bei Christoph Gerhartz hingegen interessierte mich die Frage, ob sich sein Bildlook, die Inszenierung, Licht und Atmosphäre in einem Porträt aufgreifen lassen.
Für mich war die fotografische Auseinandersetzung mit beiden Künstlern fast ebenso spannend wie die Ausstellung selbst.